Die Bahn ließ 173.000 Mitarbeiter überprüfen

Die bislang zum Überwachungsskandal bei der Bahn genannten Zahlen kratzten allesamt nur an der Oberfläche. Sie sind lediglich die Spitze des Eisberges, dessen wahre Ausmaße jetzt ans Tageslicht kamen, weil der Antikorruptionsbeauftragte des Unternehmens, Wolfgang Schaupenstein, vor dem Verkehrsausschuss des Bundestages Tacheles reden musste. Ausgegangen wurde von 1.000 Fällen. In Wirklichkeit wurden in der Zeit von 2002 bis 2003 über 173.000 Mitarbeiter überprüft. Das sind fast drei Viertel aller Beschäftigten des Konzerns. Eine Zahl, die auch für die Politiker nur schwer zu verdauen ist, selbst angesichts der Erklärung der Bahn, der Datenabgleich sei rechtlich nicht zu beanstanden.

Ins Visier geraten sind damit nicht nur die Führungskräfte der Bahn, sonder beinahe jeder, der auf der Lohnliste steht. Kontrolliert wurden Bankverbindungen, Rufnummern und die Adressen, um mögliche Überschneidungen mit den 80.000 Lieferanten des Unternehmens zu finden. Dass eine Detektei mit diesen Maßnahmen betraut worden war, davon erfuhren die Angestellten nichts. Erst vorige Woche erfolgte die Anweisung, die „Mitarbeiter ins Bild zu setzen“. Freude kam in der Belegschaft nicht auf. Ein Manager sprach von blankem Entsetzen. Bei den Aufsichtsräten dürfte es eher Wut sein. Informiert war nur der vierköpfige Prüfungsausschuss, die übrigen 16 Mitglieder wussten von nichts und erfuhren wie die Mitarbeiter erst jetzt von den Aufträgen an die Detektive.

Mit der Affäre, bei der unter dem Strich in 175 Fällen ein Tatverdacht vorlag und entsprechende Maßnahmen eingeleitet wurden, soll sich jetzt der Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates beschäftigen. Diesen Antrag stellte das Bundesverkehrsministerium. Auch der Verkehrsausschuss des Bundestages wird die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen. Denn Vermutungen, dass die Mitarbeiter ausgespäht werden, gab es schon früher. Horst Friedrich, Verkehrspolitiker der FDP, sieht die Bahn und insbesondere Konzernchef Helmut Mehdorn angesichts des Ausmaßes in Erklärungsnot und betonte, das Unternehmen sei kein rechtsfreier Raum.

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